Hessischer Bildungsserver / Realschulen in Hessen

Test-Stress aus dem versiegelten Umschlag

Haupt- und Realschüler bereiten sich auf die erste "zentrale Abschlussprüfung" vor / Lehrer sind von der Neuerung angetan

Dieser Beitrag ist abgelaufen: 12. Juni 2004 00:00

VON MARTIN MÜLLER-BIALON

 

In dem Krimi mit dem sperrigen Titel "zentrale Abschlussprüfung" spielt der Hausmeister eine wichtige Rolle. Der Mann wird am Tag vor dem Tag X zum Schulamt fahren, um einen versiegelten Umschlag abzuholen. Dazu muss er sich ausweisen. Danach transportiert der Schulhausverwalter den Brief zu seinem Dienstgebäude - in unserem Fall die Brüder-Grimm-Schule im Frankfurter Ostend - und deponiert ihn im Safe

Am nächsten Morgen, dem 24. Mai, gegen 7 Uhr, wird das Geheimnis um den mysteriösen Brief gelüftet. Ruth Belz, Leiterin der Realschule im Ostend, versammelt das Kollegium um sich, holt den Umschlag aus dem Tresor und liest die Aufgaben der Mathe-Klausur vor. Dasselbe Ritual wiederholt sich am 26. (Deutsch) und 28. Mai (Englisch) zeitgleich an den elf Frankfurter sowie allen weiteren hessischen Realschulen.

Erstmals müssen Hessens Haupt- und Realschüler jetzt drei Abschlussarbeiten über sich ergehen lassen. Dabei werden Themen und Fragen vom Kultusministerium für alle Schulen identisch vorgegeben; sie werden erst am Tag der Klausur bekannt. Realschüler haben dann im Juni noch eine mündliche Prüfung vor sich. Die Schüler sind nicht begeistert vom Prüfungsstress. "Wie Versuchskaninchen" kämen sie sich vor, sagen Schüler der 10 a der Brüder-Grimm-Schule. "Für uns ist das eher eine Belastung."

Seit Monaten bereiten sich die 70 Zehntklässler der Brüder-Grimm-Schule auf die Klausurwoche vor. Orientieren können sie sich an Musterarbeiten ("Prototypen"), die das Kultusministerium ins Internet gestellt hat. "Ein bisschen Bauchgrummeln hat jeder", sagt Schulleiterin Belz, "aber ich denke, unsere Schüler sind gut vorbereitet". Ganz so zuversichtlich sind die jungen Leute der 10 a nicht: "Wir haben besonders Angst vor Mathe", sagen Jasmina Petruseva und Tanja Wimmer: "Wir wissen ja nicht, was auf uns zukommt." In der Mathe-Klausur wird der Stoff der letzten vier Jahre abgefragt. So haben die Schüler mit Lehrerin Ruth Hellwig vieles wiederholt, was schon vor Jahren dran war. "Nebenbei muss aber auch noch der normale Stoff der 10. Klasse drankommen", sagt Lehrerin Hellwig.

 

Jugendliche haben die Wahl

 

Auch für Schulleiterin Belz bedeutet die Premiere der Abschlussprüfungen zusätzliche Arbeit. So muss sie bei allen 35 mündlichen Prüfungen dabei sein - die Stelle des stellvertretenden Schulleiters, der sie dabei entlasten könnte, ist derzeit vakant. Dennoch bewertet Belz die Prüfungen positiv. "Schon die Präsentationen waren sehr gut." Die Schüler können zwischen einer selbst ausgearbeiteten Hausarbeit, die als Referat (Präsentation) vorgetragen werden muss, und einer mündlichen Prüfung in einem der Nebenfächer wählen. Die Präsentationen waren im Dezember 2003. Die Hälfte der Zehntklässler in der Brüder-Grimm-Schule hatte sich für die Präsentation entschieden, die anderen müssen Mitte Juni noch zur mündlichen Prüfung antreten.

Auch an der Sophienschule, einer Hauptschule in Bockenheim, ist Leiter Hans Werner Jorda sehr zufrieden mit dem Ergebnis der "Projektprüfungen" vom Dezember: "Da sind Schüler aus sich herausgegangen, die sonst den Mund nicht aufkriegen." Entsprechend waren die Zensuren: Die meisten wurden mit gut oder sehr gut benotet.

Bei den Klausuren, die auch bei den Hauptschülern anstehen, wird das anders aussehen, weiß Jorda: "Wir haben nicht das Niveau von Schulen auf dem Land", sagt er. Weil der Schwierigkeitsgrad der Prüfungen sich nicht nach Klassen mit hohem Ausländeranteil richtet, haben die Sophienschüler hier eine harte Nuss zu knacken: Mehr als 80 Prozent der Schüler sind nichtdeutscher Herkunft. Hessenweite Vergleichstests haben zuletzt immer wieder ein starkes Land-Stadt-Gefälle offenbart.

Trotzdem hält auch Hans Werner Jorda viel von den hessenweiten Abschlusstests. Bei den Noten müsse "deutlich gesprochen werden", sagt er; zu lange seien früher Zensuren geschönt worden. Er sei "ein großer Befürworter" der Tests, "wenn dabei nicht nur auswendig gelerntes Wissen abgefragt wird". Wie auch immer die Klausuren ausfallen: Den Abschlussjahrgang 2004 trifft noch nicht die volle Härte des neuen Schulgesetzes: Nach den Klausuren dürfen die Schüler entscheiden, ob im Zeugnis der Mittleren Reife oder im Abschlusszeugnis der Hauptschule die Zensuren genannt werden sollen. Wer zustimmt, erhält im Zeugnis auch eine Durchschnittsnote. So fühlen sich die Realschüler der Brüder-Grimm-Schule fast schon wie Abiturienten. Und eine Abschluss-Fete gibt es auch: am 9. Juli.

In den 11 Real- und 22 Hauptschulen der Stadt Frankfurt steigt die Spannung:

 

In wenigen Tagen müssen die Schüler dort zum ersten Mal zu
Abschlussklausuren antreten. Gleiches gilt für die Neunt- und Zehntklässler an den anderen 510 hessischen Haupt- und Realschulen. Schulleiter bewerten die Tests positiv, die Schüler empfinden sie eher als Belastung. Das Land erhofft sich einheitliche hessenweite Qualitätsstandards.

 

MUSTERAUFGABE

 

Das Hessische Kultusministerium veröffentlichte eine Mathematik- Musterarbeit, die den Hauptschülern zur Vorbereitung auf die Prüfung dienen sollte. Diese Arbeit enthielt unter anderem diese Aufgaben: "Am Anfang des Monats hatte Kerstin 100 Euro auf ihrem Konto. Dann wurden im Laufe des Monats folgende Beiträge gebucht: -245 Euro, + 50 Euro, +70 Euro, -13 Euro, + 60 Euro. Wie war Kerstins Kontostand am Ende des Monats?" Oder: "Beim Grand Prix von Monaco muss der Kurs 78 mal durchfahren werden, das sind insgesamt 257,4 km. Wie viele Kilometer sind die Rennfahrer bei einem Rennabbruch nach 52 Runden gefahren?" Oder: "Eine Wasserpumpe schafft 3600 Liter pro Minute. Wie viele Liter schafft die Pumpe dann in einer halben Stunde?" Auch für Realschüler stellte das Kultusministerium eine Mathematik- Musterarbeit als Prüfungsvorbereitung zur Verfügung. Eine Aufgabe aus dieser Arbeit lautet: "Familie Koch möchte mit einem Mietwagen von Frankfurt nach München in Urlaub fahren. Die Strecke beträgt 405 km. Sie benötigen auf der Hinfahrt 3 Stunden und 45 Minuten. Dies entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 108 km/Stunde. Sie machen nach 173 km eine Pause. Nach welcher Zeit wird diese Pause ein- gelegt? Nach einer reinen Fahrzeit von 2 Stunden und 10 Minuten legt die Familie eine weitere Pause ein. Wie viele km haben sie bis hier zurückgelegt? Auf der Rückfahrt benötigen sie aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens 4 Stunden und 20 Minuten. Welche Durchschnitts- geschwindigkeit sind sie dann gefahren?" Wissen Sie die richtigen Lösungen?

 

Zentrale Prüfungen

 

Mit den zentralen Abschlussprüfungen an Real- und Hauptschulen will das Kultusministerium hessenweit einheit-liche Qualitätsstandards an den Schulen schaffen. In diesem Jahr sind die Prüfungen erstmals für alle 47 300 Schüler in den Abschlussklassen verbindlich, wobei sie entscheiden können, ob die Klausur-Noten im Zeugnis auftauchen. Diese Wahlmöglichkeit entfällt 2005. Hauptschüler absolvieren eine Projektprüfung und je eine Klausur in Deutsch und Mathe. Realschüler schreiben zusätzlich eine Englisch-Arbeit. Sie können zwischen einer Hausarbeits-Präsentation und einer zusätzlichen mündlichen Prüfung wählen. Die Schüler erhalten ein Abschlusszeugnis mit einer Durchschnittsnote wie beim Abitur. An den Gymnasien wird das Zentralabitur 2007 eingeführt. emem

 

| 13.5.2004